William Turner im Bucerius Kunst Forum

Ist das Kunst – oder kann das Weg? Eine überdimensionale Blondine holt sich gerade eine Blasenentzündung in unserer Binnenalster und die gesamte Stadt diskutiert darüber, ob das Kunst sei. Schwierige Frage und sie schreckt auch viele ab. Denn, Hand aufs Herz, wer nutzt das Feuilleton der Tageszeitung ausser, um darauf Kartoffeln zu schälen? Wenn ich mich durch die schlauen Texte arbeite, dann nur mit einem Fremdwörterbuch auf dem Schoß.

Ich mache mir lieber mein eigenes Bild von der Kunst und reihe mich artig mit 70 weißhaarigen Mephisto-Schuh-Trägern in die Schlange vor das Bucerius Kunst Forum ein. Uns wird William Turner versprochen: ‚Der Maler der Elemente‘. Ehrlich gesagt, habe ich die stille Vermutung, dass hier auch Heizdecken avisiert wurden. Egal, ich komme tatsächlich noch als Studentin rein, obwohl die Altersgrenze bei 27 liegt und ergattere die letzte Audiotour, was soll mir jetzt noch passieren?

Im düsteren Ausstellungsraum erzählt mir die freundliche Dame in meinem Ohr, dass Turner die unglaubliche Gabe hatte, die Elemente miteinander verschmelzen zu lassen. Sie beschreibt wortreich das erste Bild, auf dem eine Bronze-Statur von Lord Nelson zu sehen sein soll. Verbissen kneife ich die Augen zusammen. Ich sehe ihn nicht und verpasse der Audiostimme den digitalen Knebel. Ruhe!

Jetzt kann ich sehen. Wahrnehmen. Denn genau das ist es was Turner von den Betrachtern seiner Bilder verlangt hat: „Ich habe es nicht gemalt, damit es verstanden würde, sondern weil ich zeigen wollte, wie ein solches Schauspiel aussieht.“ Und das ist ihm wahrlich gelungen. Sein Werk ‚Neumond‘ zeigt eine abendliche Szene am Strand. Am unteren Rand spielen Kinder, Hunde tollen herum. Am blauen Horizont geht der Mond auf und verabschiedet die rot glühende Abendsonne. Wenn man sich auf das Bild einlässt, kann man das Meer riechen und die Kinder entfernt schreien hören. Alles schmilzt zu einer Atmosphäre zusammen, die einen aufsaugt – ich

Diese Ausstellung gibt mir eine leise Ahnung von der Entwicklung des Künstlers: William Turner, gelernter Architekturzeichner und Professor für Perspektive, hat im Laufe seines Lebens den künstlerischen Überzeugungen der Zeit den Rücken gekehrt. Anfang des 19. Jahrhunderts galten nämlich verschwommene Figuren am Rand des Bildes schon als Ungenauigkeit und Schlamperei. Turner hat es hingegen gewagt, Räumlichkeit nur durch Farbe und Form darzustellen. So einen unkonventionellen Mut bewiesen erst Impressionisten, wie van Gogh und Cézanne, rund 60 Jahre später. Wir wissen alle noch dunkel aus dem Kunstunterricht, dass die nicht reich gestorben sind.

Überwältigt und satt verlasse ich die Farbenpracht und stolpere zurück in die Gegenwart. Die Welt hat mich wieder. Durch die Sonne blinzelnd erblicke ich die ‚Badende‘, hoffe inständig, dass sie nicht in ihre Wanne pinkelt und winke ihr freundlich zu. Dich wird man in 200 Jahren nicht mehr bewundern, das ist schon mal klar!

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