Sinas Welt

Von Hamburg bis ganz weit weg

Schule tut gar nicht weh

Drachenstark: Die selbstgebastelte Schultüte für den Tag aller Tage.

Die letzten drei Wochen waren lang. Gezeichnet von nervöser Unruhe, schlaflosen Nächten und regelmäßig auftretenden Angstzuständen, bereitete ich mich auf diesen besonderen Moment vor. Dann war es soweit, der ‚point of no return’: Die Einschulung. Ein tiefer Einschnitt in das Leben eines Kindes und vor allem in das seiner Eltern. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, spricht man mit anderen Erziehungsberechtigten, die den Rubikon bereits überschritten haben. Ihr kennt diesen typischen Elternblick, der einem begegnet, sobald andere sich im Wissensvorteil wähnen: Der Kopf wird schief gelegt, die Augenbrauen zusammengezogen, es folgt ein prüfender Blick, ob man den zuküftigen Anstrengungen standhalten kann. ‚Aaaaach ja, mit der Schule wird alles anders. Genießt das freie Leben mit Euren Kindern so lang, wie möglich!’ Zurück bleibt nagende Unsicherheit. Ja, was denn nun? Ist ABC-Schütze wörtlich gemeint? Wird meinem Kind zukünftig Zucht und Ordnung beigebracht? Knallharter Drill weit weg von der mütterlichen Obhut?

Mir ist ganz flau, als es endlich soweit ist. Da steht sie nun, meine große Tochter, auf der Bühne der Grundschulaula. Der Ranzen macht einen stattlichen Eindruck, so als ob er mit meiner Tochter in die Schule geht und nicht andersherum. Während die stolze Mutti sich die Tränen von der Wange wischt, ist das Mädchen voll konzentriert. Mit großen blauen Augen erwartet sie gespannt den Moment,  in dem die Klassenlehrerin die ABC-Zwerge in die Klasse begleitet. Der Start-Schuss ins neue Leben, so zu sagen. Ihr kleines Lächeln huscht zu mir herüber. Der Kloß in meinem Hals ist auch stattlich. Mein Baby – eben warst Du noch so klein und bist mit Windelpo durch das Haus gerobbt. Jetzt bist Du schon ein Schulkind!

Vom Lernen und Loslassen

Die Schulleiterin hat eine lustige Brille und trägt einen Rock mit bunten Blumen auf dem Latz. Sie lächelt die Elternschar freundlich an. Wenig militärisch, wie ich erleichtert feststelle. Sie berichtet freudig von den neuen Erfahrung, die unsere Kinder hier machen werden: Neben Schreiben, Lesen und Rechnen, lernen die Kinder gut miteinander auszukommen, gewaltfrei, im Dialog und so. Zudem kann jedes Kind ein Instrument lernen, denn diese Grundschule ist eine der Pilot-Schulen für das JeKI-Projekt. Englisch steht ebenso auf dem Stundenplan, wie Selbstverteidigung. Soweit so gut. Dann folgt ein abschließendes ‚Liebe Eltern, sie müssen auch etwas lernen. Das Loslassen-Können. Die totale Kontrolle ist im Schulbetrieb eher hinderlich.’ Ich wusste doch, die Sache hat einen Haken.

Nun ist eine Woche vergangen und so viel hat sich gar nicht verändert. Naja, wenn man von der unchristlichen Weckzeit absieht. Oder der ausgeklügelten Kinderlogistik zwischen Schule und Kindergarten, um die gesamte Brut morgens on time abzuliefern. Zu erwähnen wäre vielleicht noch die Brotdose, randvoll mit gesundem Zeugs, was das Kind bisher artig aufisst. (Ehrlich gesagt, wüsste ich nicht mal, ob sie es verschenkt oder wegwirft. Eigentlich will ich es auch gar nicht wissen.)  Auch der Teil mit dem Loslassen hat bisher ganz gut geklappt, denke ich.  Kommt Mutti abends von der Arbeit fragt sie lediglich: Wie war Dein Tag in der Schule? Dicht gefolgt von: Was hast du alles erlebt? Häufig auch: Hast Du Deine Tomaten und die Möhre aufgegessen? Nicht zu vergessen: Hast du Deine Hausaufgaben schon gemacht?

Mütter…wir können einfach nicht anders. Aber mal ehrlich, man quält sich nicht neun Monate, 24 Stunden des vergessenen Schmerzes und sieben Jahre, bestimmt durch vollgeschissene Windeln, aufgeschlagenen Knie und viele Stunden intensiven Kichern und Kuschelns, um das Interesse an der Brut an der Schulpforte abzustreifen. So isses nun mal. Einmal Mama, immer Mama.

Auf einen Kakao mit meiner Tochter

Ich wollte es aber auch noch genauer wissen und habe meinem Kind auf den Zahn gefühlt. Da meine Tochter noch kein Kaffee trinkt, habe ich sie bei einem Kakao zu ihrer ersten Schulwoche befragt und Erstaunliches ist dabei herausgekommen.

Wie war denn Deine erste Schulwoche so?
Ich fands toll!

Was war denn toll?

Ich fand es schön, dass ich so viele Klassenkameraden hab. Wir sind 21 Schüler! Und heute, da haben zwei Kinder aus der Dritten…nee eigentlich war es ein Mädchen und ein Junge aus der Zweiten… (es folgt eine sehr ausführliche Erläuterung über die Wasserbombenpraxis der älteren Schüler)

Was meinst Du wird Dir am meisten Spaß in der Schule machen?
Turnen! Ich freue mich so auf morgen, da turnen wir das erste Mal.

Was ist denn das Beste an der Schule?
Die Pause. Weil ich mich da mit meiner neuen Freundin treffe.

Was meinst du ist nicht so schön?
Dass meine neue Freundin nicht neben mir sitzt.

Was willst du mal werden wenn du groß bist?
Pilotin oder Computerspiele-Testerin oder beides.

Kann mir bitte jemand sagen, worüber ich mir Sorgen gemacht habe? Für mein Kind scheint alles in Butter zu sein, solange ihre neue Freundin neben ihr sitzt. Die Klassenlehrerin ist eine Seele von Mensch und die Schule ist ein Hort der Gemütlichkeit und Fürsorge. Dank einiger wunderbarer Eltern ist die Kinderlogistik trotz Job fast reibungslos möglich (Danke dafür!).

Wenn mich jetzt ein unbedarftes Elternpaar fragt, was die Schule so mit sich bringt. Dann lege ich den Kopf schief, lächle wissend und antworte: Seid unbesorgt. Alles wird gut.

 

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  1. Mia

    Tja, war doch irgendwie klar, dass deine Tochter das besser wegsteckt als Du, oder 🙂 mir kamen beim Lesen schon die Tränen; ich habe gerade erst den Kita-Start verwunden. Mamas haben es schwer!
    LG Mia

    • sina

      Trockne deine Tränen, liebe Mia, du weißt ja, alles wird gut! 🙂 Wenn Dein Kind dich aus dem Klassenzimmer jagt, weil ja jetzt die Schule anfängt, dann sollte alles in Ordnung sein 😉

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